Ich fühle mich wirklich manchmal wie eine Wandlerin zwischen den Welten: Weder fühle ich mich so ganz der „Turnierreiterszene“ zugehörig, noch der „Freizeitreiterszene“. Ich bewege mich irgendwo dazwischen – und das ist auch gut so. Wieso, das erkläre ich euch im heutigen Beitrag.

Klar, mein Ziel ist es schon, dass Stella auch erfolgreich Turnier läuft. Aber nicht um jeden Preis und bestimmt nicht auf Kosten ihrer Gesundheit. Für mich ist sie in erster Linie mal ein Pferd, ein wunderbares Lebewesen, das mit mir kommuniziert, interagiert, mir vertraut und mich „liebt“ – sofern man Pferden dieses Gefühl zuschreiben möchte, aber ich denke, ihr versteht, was ich damit meine.

Eine Schleife am Kopf ist es nicht wert

Und all das möchte ich auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen. Nicht für alles Geld der Welt – und schon gar nicht für irgendeine blöde Schleife am Kopf. Und wenn ich dann sehe, was teilweise auf Turnierplätzen so abgeht, dann wird es mir ganz schlecht. Das fängt auf regionalen Turnieren hier in der Gegend an und zieht sich dann bis in die ganz hohen Klassen auf den ganz großen Turnieren. Wieso, frag ich mich da immer, tut irgendjemand einem Lebewesen so etwas an? Und ja, ich spreche hier von Rollkur, dem UNSACHGEMÄSSEN Gebrauch von Hilfszügeln, Sporen, Gerten (wer mir schon länger folgt, weiß, ich bin nicht generell gegen all diese Dinge)…und ganz allgemein von dem eigentlich miserablen Trainingszustand, in dem manche Pferde durch schwere Prüfungen geschickt werden. Mit durchhängendem oder gar weggedrücktem Rücken, peitschenden Schweifen, sperrendem Maul, Schmerzfalten im Gesicht. Manchen Pferden muss man wirklich nur in die Augen gucken und weiß, wie sie leiden.

Schlechtes Reiten wird allzu oft belohnt

Für mich das Traurigste an der Sache: Diese Ritte werden dann leider allzu oft mit hohen Noten belohnt. Wie kann das sein, frage ich mich dann jedes Mal. Wie können ein Wechsel oder eine Traversale mit einer 7 bewertet werden, oder ein starker Trab mit einer 8, wenn die Grundqualität in der Gangart überhaupt nicht stimmt, wenn das Pferd null losgelassen ist? Klar, manche Pferde sind solche Bewegungskünstler, dass sie auch festgehalten noch die Lektionen vermeintlich korrekt ausführen. Aber wollen wir das belohnen? Ich für meinen Teil kann da nur ganz klar sagen: Nein! Das finde ich den falschen Weg und eine bedenkliche Entwicklung im Reitsport. Und es erschüttert mich, wie viele Menschen bereit sind, das Wohl der Pferde hintenan zu stellen, des Erfolges wegen.

Gerüchte um den CHIO Aachen

Gerade kursieren wieder jede Menge Gerüchte rund um den CHIO in Aachen. Schon auf dem öffentlichen Abreiteplatz soll es teils unschöne Szenen geben. Aber es wird von einer für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Abreitehalle gemunkelt, in der Pferde vor der Prüfung „abgekocht“ oder nach der Prüfung nochmals gemaßregelt werden. Ich weiß nicht, ob diese Gerüchte stimmen. Wenn es so wäre, wäre es in meinen Augen ein Skandal. Abreiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit, damit dieser die wirklich harten Szenen erspart bleiben? Na Mahlzeit. Und nein, ich bin niemand, der irgendwelchen alternativen Lehren anhängt. Ich bin der Meinung, mit den Richtlinien der FN haben wir ein sehr gutes Regelwerk – da muss, vom gelegentlichen Blick über den Tellerrand abgesehen, niemand das Rad neu erfinden.

„Frei“ heißt nicht gleich frei von Schmerzen

Denn auch mit der „anderen“ Seite habe ich so meine Problemchen: mit den “Wendyreitern”. Denjenigen nämlich, die zum Wohl ihres Pferdes nur gebisslos, sattelbaumlos und vermeintlich leidenslos durch diese Welt schweben – und dabei leider allzu oft vergessen, dass richtiges Reiten der Gesunderhaltung der Pferde dient. Da sieht man dann Pferde mit durchhängendem Rücken durch die Gegend schlurfen, im Galopp geht der Kopf leider nur nach oben, Stellung und Biegung –  Fehlanzeige.  Alles soll „zwanglos“ sein, Zügelhilfen gehören verboten und Hilfszügel, Sporen und Gerte sowieso (mal ganz überspitzt gesagt). Tja, zu wenig Spannung ist aber leider für den Pferdekörper ebenso Verschleiß wie zu viel Spannung. In diesem Zusammenhang sind übrigens auch Zirkuslektionen durchaus mit Vorsicht zu genießen. Klar, als Abwechslung für zwischendurch oder als Teil eines sinnvollen Gesamttrainingskonzepts spricht gar nichts dagegen. Aber auch da sollte einem immer bewusst sein, dass jede unphysiologische Bewegung fürs Pferd erhöhten Verschleiß bedeutet. Ein Beispiel: Beim Kompliment kommt extremer Druck aufs Karpalgelenk, deshalb ist das eine Übung, die man nach Möglichkeit nur kurz verlangen sollte.

Richtig Reiten reicht

Richtig Reiten reicht. Im einen wie im andern Fall fällt mir immer wieder dieser so wahre Satz des Majors a.D. Paul von Stecken ein. Das sollten sich alle Reiter – egal ob Freizeit oder Turnier – wirklich hinter die Ohren schreiben. Denn das fehlt meines Erachtens häufig in beiden Bereichen: Das Verständnis fürs Pferd und oft auch das Wissen um die körperlichen Zusammenhänge. Und das ist der Grund, warum ich mich weder in der einen noch in der anderen Ecke so richtig wohl fühle… Für mich gibt’s nur gutes Reiten und schlechtes Reiten – unabhängig von der Reitweise und davon, ob man Turniere reitet oder nur für sich zu Hause.

Was wollt ihr über Biomechanik wissen?

Dabei fällt mir ein: Es wird mal wieder Zeit für einen neuen Teil der Biomechanik-Serie. Gibt’s da irgendwas, das euch besonders interessiert? Oder soll ich euch einfach mal erklären, anhand welcher Zeichen man korrektes und nicht korrektes Reiten optisch unterscheiden kann?