Stella und ich durften vor einiger Zeit an einem Experiment der Pferdezeitschrift Cavallo mit der Bewegungstrainerin Claudia Butry teilnehmen. Dabei ging es darum, wie Pauschen den Reitersitz beeinflussen. Ich hatte schon viel über das Thema gelesen und war gespannt darauf, es selbst mal auszuprobieren. So viel schon mal vorab: Bei mir veränderte sich ohne Pauschen mehr, als ich gedacht hätte. Aber jetzt mal von vorn.

Zu Beginn der Trainingseinheit darf ich noch mit meinem Sattel reiten, so wie ich ihn gewohnt bin – also mit meinen mittelgroßen Pauschen und allem drum und dran. Also alles beim Alten und Stella benimmt sich vorbildlich: Wie ein alter Hase trabt und galoppiert sie über den Platz. Obwohl alles neu für sie ist und die Paddockboxen direkt oberhalb des Platzes sind, wackelt sie nicht mal mit dem Ohr. Ich sitze gut, wenn auch immer etwas „obendrauf“. Dass ich mit den Knien klemme, merke ich erst, als Claudia mir die Pauschen wegnimmt.

Wo ist denn hier der Haltegriff?

Als ich im Schritt wieder losreite, ist mein erster Gedanke: Oh Shit! Ich fühle mich extrem unsicher, plötzlich ist da nix mehr, das mein Bein hält. Au weia, Traben? Geht gar nicht!

Aber ich lasse mich auf dieses neue Gefühl ein, versuche, mich im Schritt ins Pferd hineinzuspüren. Das mache ich gerne, indem mir beim Einatmen vorstelle, mein Brustkorb würde an einem Faden zur Decke gezogen (oder zum Himmel). Beim Ausatmen lasse ich dann mein Gesäß tief in den Sattel sinken und stelle mir vor, die Energie fließe durch meine Beine in Richtung Boden. Das hilft mir im Normalfall ungemein, meinen Sitz zu strecken und näher ans Pferd zu kommen. Und auch diesmal zeigt es Wirkung: Meine Beine schließen sich besser um Stellas Bauch. Ganz anders als vorher mit Pausche. Ich traue mich also, anzutraben – und werde überrascht.

Die Pausche ist weg und wir entspannen uns – beide

Nach ein paar wackeligen Tritten komme ich plötzlich tiefer im Sattel zum Sitzen, viel näher am Pferd und auch meine Unterschenkel schmiegen sich plötzlich wie von alleine an Stellas Bauch. Insgesamt fühle ich mich lockerer. Und faszinierend ist: Auch Stella scheint sich zu entspannen. Ganz locker trabt sie, Runde um Runde. Ich bin überrascht. Obwohl ich schon gelesen hatte, dass große Pauschen sich negativ auf den Sitz auswirken können, hatte ich damit nicht gerechnet. Wieso das so ist, und weshalb es vorkommen kann, dass Pferde auch gerade wegen Pauschen klemmen, dazu schreibe ich weiter unten in diesem Artikel mehr.

Runter vom Pferd und ab auf den Balimo

Also Galopp. Auch das geht besser – aber meine Knie suchen immer wieder nach der Pausche und es gelingt mir nicht ganz, sie zu öffnen und einfach locker mitzuschwingen. Deshalb heißt es für mich: Runter vom Pferd und ab auf den Balimo. Dort zeigt Claudia mir eine Übung, welche die Balance schulen soll. Abwechselnd soll ich das rechte Knie zum linken Ellbogen und das linke Knie zum rechten Ellbogen ziehen. Dann gibt es Variationen: Mal mit den Fußspitzen nach hinten und den Hacken nach vorn tippen, mal beide Arme zur Seite öffnen und jeweils ein Bein nach vorn strecken.

Dann darf ich wieder aufsteigen und weiterreiten. Plötzlich komme ich noch besser in der Bewegung mit, fühle mich eins mit Stella. Außerdem habe ich das Gefühl, völlig ohne Anstrengung einfach mittig im Pferd zu sitzen. Vorher bin ich leicht in der Hüfte eingeknickt und hatte immer das Gefühl, etwas mehr Gewicht auf die rechte Gesäßhälfte zu bringen. Im Video ist die Veränderung ganz gut zu sehen:

Mein Fazit: Ich hätte niemals gedacht, dass die Pauschen an meinem Sattel meinen Sitz so stark beeinflussen, zumal sie ohnehin nur mittelgroß sind und ich auch genügend Platz in der Sitzfläche habe. Ein Fan von großen Pauschen war ich noch nie, da habe ich mich schon immer eingezwängt gefühlt. Dementsprechend beeindruckt war ich von der Veränderung, als die Pauschen weg waren – und mindestens genauso von dem Effekt der Balanceübung. Seitdem liegen meine Pauschen (mein Sattel hat zum Glück Klettpauschen) im Schrank und ich reite ohne. Inzwischen fühlt es sich komplett normal an und ich finde, Stella läuft so besser. Ich kann sie viel besser am Sitz reiten, meine Gewichtshilfen kommen viel direkter an. Und auch ich selbst bin besser balanciert als vorher. Demnächst möchte ich die Pauschen mal interessehalber wieder an den Sattel montieren, mal sehen, ob sich das dann komisch anfühlt.

Wieso Pauschen Losgelassenheit verhindern

Zum Abschluss möchte ich noch ein paar Worte zum Hintergrund des Ganzen verlieren: Dicke Pauschen versprechen Halt und Sicherheit. In der Realität aber zwängen sie den Reiter oftmals ein und verleiten dazu, sich mit dem Bein festzuklammern. Sie strecken zwar optisch – pressen aber leider den Reitersitz häufig in eine Form, die zwar schön, aber nicht funktional ist. Im Design gibt es einen Spruch, der lautet: „Form follows function.“ Dies gilt fürs Reiten genauso und zwar für das Pferd (dazu aber an anderer Stelle mehr) und für den Reiter.

Was zählt, ist die Funktion – nicht die Optik

Denn der Sitz soll in erster Linie gut funktionieren. Auf die Optik, also die Form des Sitzes, kommt es dabei erst nachrangig an. Dies betont zum Beispiel auch der Sitz- und Bewegungsexperte Eckard Meyners immer wieder. Aber was bedeutet nun „Funktionieren“ beim Reitersitz? Es bedeutet, dass der Reiter den Bewegungen des Pferdes mit seinem Körper gut folgen kann und den natürlichen Bewegungsablauf nicht stört, sondern ihn in seiner Schönheit fördert. Dazu muss er in allen Gelenken möglichst geschmeidig sein. Dicke Sattelpauschen verhindern dies leider häufig.

Klemmt der Reiter mit dem Knie, beginnt eine Kettenreaktion

Denn um Halt an der Pausche zu finden, zieht der Reiter das Knie hoch und klemmt. Auch wenn das nur minimal ist, setzt sich so doch eine Kettenreaktion in Gang: Der Oberschenkel spannt sich an, das Kniegelenk blockiert. Dies wiederum setzt sich sowohl nach unten, als auch nach oben fort. Der Absatz federt weniger, lässt also die Bewegung schlechter nach unten durch. Auch das Becken wird durch die Spannung im Bein festgestellt und schon kommt der Reiter nicht mehr richtig zum Mitschwingen – auch wenn der Sitz auf den ersten Blick noch schön gestreckt erscheint. Das geht natürlich auf die Hüfte des Reiters und auch auf den Reiterrücken.

Übung zum Nachmachen

Ihr könnt das übrigens selbst ausprobieren: Setzt Euch auf einen Stuhl, die Beine im 90-Grad-Winkel. Nun hebt mal das Becken ganz locker rechts und links abwechseln an, möglichst ohne mit dem Oberkörper zu hebeln. Nun spannt bewusst Eure Oberschenkel an und versucht die gleiche Übung noch mal. Na, Unterschied gemerkt? In etwa denselben Effekt hat übrigens ein Sattel mit zu kleiner Sitzfläche: Weil er das Bein einklemmt, werden Knie- und Hüftgelenke festgestellt und der Reiter kann der Bewegung des Pferderückens nicht mehr folgen.

Große Pauschen können dem Pferd Schmerzen bereiten

Durch das Klemmen an der Pausche passiert aber noch mehr: Gleichzeitig schiebt der Reiter seinen Schwerpunkt im Sattel nämlich automatisch etwas nach hinten in Richtung Hinterzwiesel, weil er vorne „zu“ macht. Dadurch bekommt das Pferd wiederum mehr Druck in den Rücken, was Schmerzen verursachen kann. Außerdem kommt über die Pausche ein unphysiologischer Druck auf den Latissimus, also den breiten Rückenmuskel. Das verursacht Verspannungen beim Pferd, die sich wiederum über die Muskelketten fortsetzen: Es fällt schwerer, den Rücken aufzuwölben, die „falsche Muskulatur“ übernimmt die Tragearbeit und es entsteht eine Art Teufelskreis. Dieser setzt sich manchmal so weit fort, dass Pferde irgendwann nur noch mit dicken Pauschen geritten werden können, weil sie „so schwer zu sitzen“ sind. Ein Pferd, das reell über den Rücken geht, nimmt den Reiter aber in der Regel in der Bewegung mit und ist gut zu sitzen.

Anregung: Beobachtet Euch mal selbst!

Dicke Pauschen am Sattel können also echte Losgelassenheit verhindern – und zwar bei Pferd und Reiter. Ich möchte hier niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu reiten hat. Aber ich möchte Euch ans Herz legen, mal genau zu beobachten: Fühlt Euch mal selbst auf den Zahn, schaut andere Reiter an, die mit großen oder kleinen Pauschen reiten und bemerkt die Unterschiede. Achtet dabei darauf, ob jemand nur auf den ersten Blick schön auf dem Pferd sitzt, oder wirklich mitschwingt, sich dem Pferd anpasst, sich quasi anschmiegt ohne zu klemmen. Wo dabei die Hand getragen wird, wo genau der Schenkel liegt, und so weiter ist erst mal zweitrangig. Natürlich sollte das nicht zu weit aus dem Rahmen fallen, aber hier kommt es auch immer auf die Anatomie des jeweiligen Reiters an: Jeder Mensch hat andere Winkel und Längenverhältnisse der Gliedmaßen, denen logischerweise auch sein Reitersitz folgen muss. Das ist hier also keineswegs ein Aufruf, über andere zu urteilen, sondern nur dazu, mal genau zu beobachten – und daraus zu lernen.

So, das war es von mir erst mal zum Thema Pauschen. Wenn Ihr noch Fragen habt, dann schreibt sie mir in die Kommentare, ich antworte gerne. Und wie immer interessieren mich auch Eure Erfahrungen: Habt Ihr selbst schon mal probiert, ohne Pauschen zu reiten? Habt Ihr spannende Beobachtungen gemacht? Oder seid Ihr ganz anderer Meinung? Dann schreibt mir – ich bin gespannt auf Eure Sicht des Ganzen!

Eure Liviana